Innovation als klassische Symphonie?

Er war der erste Opernsänger, der CEO eines börsennotierten Technologiekonzern wurde, um als Intendant des Wiener Konzerthauses zur Musik zurückzukehren. Ein Gastartikel von Bernhard Kerres – Managing Partner von Haydn1791. 

Geschrieben mit Simone Dinnerstein, „Mozart in Havana“ im Ohr.

Der Begriff „klassische Musik“ wehrt sich förmlich gegen Fortschritt und Innovation. Und doch ist gerade die klassische Musik immer wieder ein direkter oder indirekter Treiber dafür. Hätte der weltberühmte Dirigent Herber von Karajan nicht mit allem, was er hatte, auf die Entwicklung der Compact Disc (CD) gedrungen, hätten wir lange kein Speichermedium gehabt, das über Jahrzehnte die Computerindustrie bestimmt hat. 

Mich interessiert aber mehr, dass die Klassik-Denk- und Arbeitsweisen ermöglicht, die Innovation und Fortschritt fördern. In den letzten Jahren folgend Oliver Sacks und anderen Wissenschaftlern haben Gehirnforscher begonnen, den Einfluss der Musik auf unser Denken zu untersuchen. Es wurde nachgewiesen, dass das aktive Musizieren von Kindern die Verbindung zwischen den auditiven und motorischen Gehirnregionen verstärkt, aber auch in multimodalen Integrationsregionen. Daraus folgen im Erwachsenenalter unter anderem ein signifikant besseres mathematisches Können und Zahlenverständnis, aber auch eine kreativere und weitblickendere Herangehensweise an Herausforderungen. Bevor wir jedoch musizieren können, braucht es in der Klassik eine Komposition. Die geistige Leistung eines Komponisten ist gewaltig. Man stelle sich die abstrakte Idee eines Mozart-Klavierkonzertes oder einer Mahler-Symphonie vor. Diese Idee konnten die Komponisten in einem System von fünf Linien ausdrücken, das allgemein verständlich ist. Wie oft würde man sich wünschen, dass innovative Ideen so verständlich ausgedrückt werden, dass zu minderst geschulte Menschen sie zum Erklingen bringen könnten?

Wenn ich Führungskräftetrainings für die London Business School und andere halte, nehme ich Beethovens 5. Symphonie als Beispiel. Ich reiche die Partitur durch, spreche von der immensen Idee, die Beethoven in fünf Linien niederschreiben konnte, die Klarheit der „Arbeitsanweisung“, die aus der Kreativität folgt. Und dann zeige ich Videos verschiedener Aufführungen davon. Das „Aha“-Erlebnis ist oft groß, denn selbst bei genauester Niederschrift der kreativen Idee, braucht es die Freiheit der Interpretation. Fortschritt kommt nur aus der ständigen Weiterentwicklung und nicht vom unnachgiebigen Festhalten an einer Lieblingsinterpretation. 

Aber zurück zur Innovation, unserer Gehirnleistung und der klassischen Musik. Als ich 2015 in Silicon Valley lebte und arbeitete, hatte ich meinen Tisch in Runway in San Francisco, einem Co-Working-Space im Twitter-Gebäude. Mehrere hundert Menschen arbeiten dort Tisch an Tisch im Open-Space. Die meisten mit Kopfhörern. Mich interessierte, was all die Entrepreneurs, Techies und Entwickler hörten. Und so begann ich zu fragen. Rund die Hälfte der jungen Innovationstreiber hörte klassische Musik – oft ohne auch nur irgendeinen Bezug zur Klassik zu haben. Die Klassik half ihnen, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Sollte uns das im Musikland Österreich nicht zu denken geben? Wir können lange auf die Politik warten, bis dies im Bildungssystem entsprechend berücksichtigt wird. Als Unternehmer haben wir aber die Chance, über die Basis von Innovation und Fortschritt anders zu denken, und Ideen zu implementieren, die weit abseits vom schnellsten Rechner, der besten Produktionsstraße, und der letzten Weisheit selbsternannter Innovations-Gurus sind.

Über den Autor: Bernhard Kerres war der erste Opernsänger, der CEO eines börsennotierten Technologiekonzern wurde, um als Intendant des Wiener Konzerthauses zur Musik zurückzukehren. Danach brachte er seinen Start-up nach Silicon Valley. Heute berät er die Wirtschaft zu Innovation und Führung, und die Musikindustrie zu Digitalisierung und Strategie.

www.bernhardkerres.com

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